Schlachtfabrik in Wietzen-Holte schließt: Kündigungen und eine Verlagerung des Tötens. Warum es trotzdem ein Erfolg ist.

Bild: Hartmut Kiewert

„Wenn es noch mehr Ärger gibt, dann macht mein Chef in Visbek den Laden hier komplett dicht.“ (Gerhard Bodenburg (ehemaliger Wiesenhof-Geschäftführer in Wietzen-Holte) im Jahr 2014 zu seinem „Lebenswerk“ Schlachtfabrik)

Die Wiesenhof-Schlachtanlage in Wietzen-Holte macht bis April 2019 dicht und verlagert ihre Produktion auf andere Standorte wie zum Beispiel nach Lohne (Oldenburg). Circa 300 Arbeiter*innen verlieren ihren Arbeitsplatz. Laut PHW-Wiesenhof soll es für die festangestellten Arbeiter*innen jedoch einen Sozialplan geben und man könne Arbeiter*innen ins Werk nach Lohne übernehmen. Für die rund 100 Leih- und Werkvertragsarbeiter*innen wird es wohl nach wie vor ein ungerechtes System bleiben. Sie werden auf die Straße gesetzt wie es den Konzernchefs passt. In der Wiesenhof-Pressemitteilung werden sie nicht mal wirklich erwähnt. Aber warum ist es trotzdem gut, dass diese Fabrik schließt, obwohl die Tötung unvermindert weiter geht und Kündigungen ins Haus stehen? Es ist ein Erfolg, weil PHW-Wiesenhof als einer der größten Geflügelfleischkonzerne mal nicht machen konnte was er wollte! Wiesenhof versuchte in Wietzen-Holte durch eine Erweiterung ihre Schlachtfabrik-Kapazitäten weiter zu steigern. Jahrelang kämpfte Wiesenhof dafür neben der bestehenden Fabrik eine neue modernere Anlage mit einer Kapazität von 250.000 Tieren pro Tag aufzubauen, um auch insgesamt ihre möglichen Schlachtkapazitäten in Deutschland weiter zu erhöhen. Daran sind sie gescheitert!

Durch verschiedenste Proteste an diesem Standort, wie mehrere unserer Aktionscamps (seit 2013), Demonstrationen und Blockaden wurde eine breite Öffentlichkeit auf das Vorhaben von Wiesenhof aufmerksam und Klagen verhinderten immer wieder ein weiterkommen der geplanten Erweiterung. Durch diesen Widerstand verzögerten sich die Ausbaupläne für Wiesenhof immer weiter, solange bis die Fabrik scheinbar nicht mehr tragbar für die nötige Profitmaximierung war. Die geplante Erweiterung ist gescheitert, die Fabrik muss geschlossen werden. Den ungefähr 70.000 Tieren, die pro Tag zuletzt noch in Wietzen-Holte getötet werden/wurden hilft das erstmal herzlich wenig, sie werden an anderer Stelle getötet, aber es ist trotzdem ein kleiner Rückschlag für PHW-Wiesenhof. Denn Wiesenhof musste ungewollt Infrastruktur abbauen statt weiter aus- und aufzubauen. Hätte es den Widerstand gegen die geplante Erweiterung in Wietzen-Holte (zuletzt lag noch eine Klage gegen die immissionsschutzrechtliche Genehmigung vor) nicht gegeben, dann würde heute wohl schon eine weitere von Wiesenhof´s Mega-Anlagen genau dort stehen. Damit hätte PHW-Wiesenhof insgesamt deutschlandweit noch mehr nutzbare Kapazitäten und Handlungsräume gehabt und in Zukunft somit die Möglichkeit insgesamt noch flexibler und noch mehr Tiere schlachten zu können. Die Spanne nach oben wäre noch höher als jetzt schon. Wiesenhof hat schon förmlich (noch lauter als heute) gerufen: „Baut neue Mastanlagen! 40.000, 120.000, 360.000 Hühner! Egal! Wir haben genug Kapazitäten für alle!“. Das wurde aber erstmal etwas ausgebremst, da ihnen nun eine ihrer Produktionsstätten fehlt und damit, statt immer weiter immer mehr theoretisch nutzbare Kapazitäten auszubauen, gerade „nur“ die Möglichkeit bleibt die bestehenden – und jetzt schon teils gar nicht ausgereizten – Schlachtkapazitäten zu nutzen/zu füllen.

Die bereits erweiterten Fabriken wie in Lohne und Niederlehme haben auch nur eine begrenzte Kapazität. Schon jetzt geht es wegen Umweltauflagen etc. auch für diese Standorte nicht mehr/schwierig weiter in die Höhe. Umso wichtiger ist für Wiesenhof die Verteilung der Schlachtkapazitäten auf verschiedene Standorte, um insgesamt mehr bereitstehende Kapazitäten zur Verfügung zu haben. Durch die gescheiterte Erweiterung und Schließung in Wietzen-Holte fehlt nun einer in diesem System. Also eine kleine Wachstumsbremse für einen sich gerade stetig im Wachstum befindlichen Konzern. Auch wenn diese Schließung an den tatsächlichen Schlachtzahlen erstmal noch nicht gerüttelt hat, ist eine Senkung der möglichen Kapazitäten ein erster guter Schritt. Darüber hinaus dürfte PHW diese gescheiterte Erweiterung ein wenig im Geldbeutel weh getan haben. Schon allein die Kosten für die Aufstellung des Bebauungsplans und für diverse Anträge zur Grundwasserentnahme haben Wiesenhof nach eigener Angabe bereits im Jahr 2015 rund 1 Millionen Euro gekostet. Dazu dürften noch weitere Kosten für Gutachten, weitere Anträge, die für die Grundwasserentnahme bereits errichteten Versuchsbrunnen, et cetera kommen. Wiesenhof hat durch diese gescheiterte Genehmigung Geld und mögliche Kapazitäten/ eine ganze Produktionsstätte verloren und konnte trotz ihrer Machtstellung und einflussreicher Unterstützer*innen in der Politik mal ausnahmsweise nicht die eigenen Pläne durchsetzen und das sehen wir, in Anbetracht, dass PHW-Wiesenhof ein Natur- und Lebenszerstörender Konzern ist, als Erfolg an. Vor allem, mit Blick auf den enormen zeitlichen und finanziellen Aufwand den Wiesenhof in diese nun gescheiterte Erweiterung gesteckt hat, lässt vermuten, dass diese geplanten zusätzlichen Kapazitäten keineswegs nur eine verzichtbare Nebensache waren.

Für die Arbeiter*innen hingegen ist eine Schließung jedoch immer belastend. Besser wäre es, wenn die Arbeiter*innen nicht auf die „Sozialpläne“ und halbherzigen Empfehlungen von ausbeuterischen Konzernen angewiesen wären, sondern sowieso schon in Produktionsstätten arbeiten könnten/würden, die Leben und Lebensgrundlage respektieren und in denen Selbstbestimmung der Arbeiter*innen und gute Arbeitsbedingungen statt die Erwirtschaftung von immer mehr Profiten im Mittelpunkt stehen. Bis dahin ist es aber noch ein ganz weiter Weg. – Und theoretisch könnte PHW/Herr Wesjohann mal vom jährlichen Milliardengewinn eine ordentliche Abfindung an die gekündigten Arbeiter*innen abgeben! – Jedoch ist die Arbeitsplatzproblematik – auch und gerade beim Thema Tierindustrie – oft ein zweischneidiges Thema. Einerseits möchte man nicht das Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren auf den sie existentiell angewiesen sind. Andererseits möchte man nicht das die Tierindustrie systematisch unzählige Lebewesen ausbeutet und tötet (Das gilt für Mensch und Tier), massiv die Umwelt vergiftet und einen großen Teil zum Klimawandel beiträgt. Regenwaldzerstörung für den Futtermittelanbau, Nitratbelastung in Boden und Gewässern durch Überdüngung, Multiresistente Keime, Lohndumping, Luftverschmutzung durch Ammoniak-Emissionen (führt zu erhöhter Feinstaubbelastung)… diese Liste ist lang. Wenn nicht nur auf Wietzen-Holte geschaut wird, sondern eher auf das „große Ganze“, dann wird die Arbeitsplatzfrage noch weitreichender. Die industrielle Tierproduktion schafft zwar Arbeitsplätze (Zum Großteil miserable und Menschenrechtswidrige Arbeitsplätze), aber vernichtet beispielgebend im ländlichen Raum gleichzeitig viel mehr Arbeitsplätze als sie schafft.

Wer beim Thema Tierindustrie völlig unabhängig von Klimawandel, Ausbeutung und Zerstörung über verlorene Arbeitsplätze durch eine Schlachtfabrik-Schließung diskutieren will, der*die sollte sich auch fragen: Was ist mit den unzähligen kleineren und mittelständischen landwirtschaftlichen Betrieben hierzulande (die viel mehr Arbeitsplätze schaffen als riesige Tierfabriken), die wegen einer immer größer werdenden Anzahl an Tierfabriken aufgeben mussten, weil sie nicht mehr konkurrenzfähig waren? Was ist mit den Hühnerzüchter*innen in Afrika, die durch Billigexporte von Fleischresten aus Europa dort nicht mehr konkurrenzfähig sind? Was ist mit den Kleinbäuer*innen in Südamerika, die von ihrem Land vertrieben werden und wurden um Platz dem Futtermittelanbau für die europäischen Tierfabriken zu machen? Alles unzählige Arbeitsplätze die durch die Tierindustrie vernichtet werden und wann wird darüber geschimpft? Und werden mehr Facetten, wie der Klimawandel betont, dann spricht der vielzitierte Satz für sich: „Es gibt keine Jobs auf einem toten Planeten“. Trotzdem ist und bleibt es Fakt, dass Situationen wie die Kündigungen in Wietzen-Holte uns jetzt nicht erfreuen oder ähnliches. Sowas freut uns ganz und gar nicht, aber trotzdem ist es wichtig das diesen zerstörerischen Konzernen entschlossener Widerstand entgegenkommt, denn es gehört eben noch einiges mehr zu diesem System der Tierindustrie als Arbeitsplätze.

Ansonsten hoffen wir, dass Menschen motiviert sind gegen die massive Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur zu protestieren und sich vielleicht auch mit uns Gedanken machen, wie am besten verhindert werden kann, dass die Tötung lediglich verlagert wird (Ob in andere Schlachtfabriken hierzulande oder ins Ausland). Letztendlich gilt aber, dass viel mehr Menschen aktiv gegen die alltägliche Zerstörung werden müssen, damit es nicht immer so bleibt, dass nur kleine Schritte gegangen werden können, während uns die Ausbeutung in allen Bereichen schon wieder überrundet.

Zuletzt möchten wir uns bei allen bedanken, die in den letzten Jahren mit uns gemeinsam gegen Wiesenhofs Schlachtanlage in Wietzen-Holte protestiert haben und mit Klagen ein weiter kommen der Erweiterung verhindert haben. Wir denken an Demonstrationen und Kundgebungen in Nienburg und Wietzen-Holte, an kochende Töpfe für die Teilnehmer*innen der Aktionscamps, an die Unterstützung für angeklagte Aktivist*innen in Gerichten, an Blockierer*innen auf Dächern von Wiesenhofs LKWs und an angekettete Aktivist*innen an den Toren der Schlachtfabrik. Viele Menschen haben mit ihrer Entschlossenheit, Geduld und Solidarität zu dieser Schließung beigetragen.
Kampagne gegen Tierfabriken – Niedersachsen (KgT)