Spitzel Enttarnung

Artikel: “Spitzel in Braunschweig enttarnt”

Ralf Gross‘ Tä­tig­keit in der Szene

Diese Auf­stel­lung ist nach Wis­sens­stand der Au­to­r_in­nen um­fas­send. Soll­ten an­de­re Per­so­nen oder Grup­pen Ralf be­geg­net sein und noch etwas zu er­gän­zen haben, schreibt bitte eine Nach­richt an: Kam­pa­gnen­bue­ro-​BS(at)riseup.​net

Auf­ge­taucht ist Gross erst­mals am 22.​03.​2012 im Bre­mer Siel­wall­haus zu einem Vor­trag über „Eu­ro­pas größ­te Hüh­ner­schlacht­fa­brik in Wiet­ze bei Celle“. Er fer­tig­te heim­lich einen Mit­schnitt des Vor­trags an, den er von sei­nem E-​Mail-​Kon­to an Fritz.​fuchs24@​yahoo.​de schick­te.

Wäh­rend des Vor­trags wurde für einen Ge­richts­pro­zess wegen der Be­set­zung des Bau­ge­län­des in Wiet­ze mo­bi­li­siert, der am 19.​04.’12 in Celle statt­fand. Gross nahm als ver­meint­lich so­li­da­ri­scher Zu­schau­er an die­sem und zahl­rei­chen wei­te­ren Straf­pro­zes­sen teil.
So war er am 25.​04., 17.​10., 5.​11. und 26.​11.’12 als „Un­ter­stüt­zer“ bei Pro­zes­sen wegen einer Blo­cka­de des Wend­land­cas­tors 2010 vor den Amts­ge­rich­ten Bad Oeyn­hau­sen und Celle, am 29.​05.’12 bei einem Wi­der­stands­pro­zess in Braun­schweig, am 16. und 23.​01.​2013 in Celle beim Pro­zess wegen der an­geb­li­chen Stö­rung einer so­ge­nann­ten An­hö­rung zum Neu­bau zwei­er Mast­an­la­gen, am 21.​05.’13 beim Pro­zess gegen eine An­ti-​Atom-​Ak­ti­vis­tin in Ha­meln, am 18.​07.’13 bei dem Haus­frie­dens­bruch-​Be­ru­fungs­ver­fah­ren wegen der an­geb­li­chen Stö­rung in Lü­ne­burg und am 8.​10.’13 ein wei­te­res Mal in Braun­schweig beim Pro­zess gegen Ak­ti­ve der Wiet­ze/n-​Kam­pa­gne wegen Po­li­zei und Jus­tiz­über­grif­fen dabei.

Gross nahm an der „Cri­ti­cal Mast“-​Ak­ti­ons­fahr­rad­tour gegen Tier­fa­bri­ken teil, die vom 05 – 28.​05.​2012 durch Nie­der­sach­sen führ­te. Im Vor­feld hatte er an­ge­bo­ten, Ma­te­ri­al zu or­ga­ni­sie­ren und zu fah­ren. Die­ses An­ge­bot wurde dan­kend an­ge­nom­men. Er war ein paar Tage in Kö­nigs­horst, kurz in Celle und ei­ni­ge Tage in Wiet­ze. Er be­tei­lig­te sich u.a. an der De­mons­tra­ti­on am 26.​05. in Wiet­ze.

Am 27.​08.​2012 war er beim Som­mer­fest der IGIT (In­itia­ti­ve gegen In­dus­tri­el­le Tier­hal­tung im Wend­land), wo er schein­bar zu­fäl­lig zwei Ak­ti­ve der Wiet­ze/n Kam­pa­gne traf. Vom 28.​09. – 03.​10. fuhr er ge­mein­sam mit ein paar Ak­ti­ven der Kam­pa­gne zu den Ak­ti­ons­ta­gen gegen Koh­le­ab­bau im Ham­ba­cher Forst.

Am 23.​11.​2012, am Mor­gen nach dem nächt­li­chen Brand­an­schlag auf drei Roth­köt­ter-​Mast­an­la­gen in Mep­pen, rief Gross einen Ak­ti­ven der Wiet­ze/n-​Kam­pa­gne an und frag­te u.a. ob er gut ge­schla­fen habe (was schon ko­misch auf­fiel).

Vom 14-16.​12.​2013 nahm Gross an einem Straf­pro­zess­trai­ning in Braun­schweig teil. Das Trai­ning soll­te u.a. zur Vor­be­rei­tung auf mög­li­che Straf­pro­zes­se wegen der „Cri­ti­cal Mast“ die­nen und wurde von drei Ak­ti­ven der Wiet­ze/n-​Kam­pa­gne ge­ge­ben. Seit dem Trai­ning war er mit sei­ner Mail-​Adres­se „alf-das-huhn@​web.​de“ auf der An­ti­rep­netz-​Mai­ling­lis­te dabei. Die Liste dient ver­schie­de­nen Ak­ti­vis­t_in­nen zum Aus­tausch über Hand­lungs­stra­te­gi­en gegen Re­pres­si­on. Gross lei­te­te etwa ein Dut­zend E-​Mails an die immer glei­che yahoo.​de Adres­se („Fritz Fuchs 24“) wei­ter. Einen Teil die­ser Mails ver­sah er mit An­mer­kun­gen und Fra­gen zu kon­kre­ten Per­so­nen. Etwa mut­maß­te er am 20.​3.​2013, ob es sich bei zwei Men­schen mit sehr ähn­li­chen Vor­na­men um ein und die­sel­be Per­son han­de­le; am sel­ben Tag wies er auch auf die „viel­leicht in­ter­es­san­ten“ Kon­takt­da­ten in einer wei­ter­ge­lei­te­ten Mail von der An­ti­rep­netz-​Lis­te hin. Am 10.​5.​2013 lei­te­te er die Info wei­ter, wer bei einem be­stimm­ten Ver­fah­ren die Lai­en­ver­tei­di­gung über­neh­me und merk­te an: „für mich wäre jetzt gut zu wis­sen, wer denn die An­ge­klag­ten sind“.

Am 15.​03.​2013 fuhr Gross einen Re­fe­ren­ten und eine wei­te­re Per­son aus Braun­schweig zum Café Knall­hart in Ham­burg zum dort statt­fin­den­den Vor­trag zum Sys­tem der Hüh­ner­hal­tung. Gross hatte im Vor­feld die Fahrt an­ge­bo­ten, weil er sich mit Ak­ti­vis­t_in­nen aus Ham­burg „ver­net­zen“ wolle.

Am 25.​03.​2013 be­tei­lig­te sich Gross an der Demo gegen die IFFA („In­ter­na­tio­na­le fleisch­wirt­schaft­li­che Fach­aus­stel­lung“) in Frank­furt am Main.

Am 27. oder 28. 03.​2013 tauch­te Gross schein­bar zu­fäl­lig im Nexus (Kul­tur Zen­trum in Braun­schweig) auf, bekam mit, dass Leute ein Auto brauch­ten um sich den Schlacht­hof in Wiet­zen an­zu­schau­en und nach einem ge­eig­ne­ten Camp Ge­län­de um­zu­schau­en und bot ihnen an, sie zu fah­ren. We­ni­ge Tagen spä­ter be­glei­te­te er sie auf der Tour.

Am 13.​04.​2013 fuhr Gross mit Ak­ti­ven der Wiet­ze/n und der Kam­pa­gne gegen Ver­such­stier­trans­po­re von Air Fran­ce/KLM zu deren Info­stän­den beim „Vegan Spring“ in Han­no­ver.

Wie er selbst un­mit­tel­bar da­nach er­zähl­te, nahm Gross am 31.​05.​2013 an einer In­fo­ver­an­stal­tung im An­ti­fa-​Café Braun­schweig teil. Thema war der be­vor­ste­hen­de Na­zi­auf­marsch in Wolfs­burg; ihn hatte nach ei­ge­nem Be­kun­den vor allem die Or­ga­ni­sa­ti­on der An­ti­fa-​Ak­tio­nen in­ter­es­siert.

Gross fuhr mit Ak­ti­vis­t_in­nen aus Braun­schweig zur So­li­par­ty für die Wiet­ze/n-​Kam­pa­gne am 01.​06.​2013 im Fisch­la­den in Ber­lin. Wie immer in sei­nem Auto.

Am 15.-16.​06.​2013 fand ein Vor­be­rei­tungs­tref­fen für eine Blo­cka­de­ak­ti­on in Wiet­ze statt. Gross tauch­te kurz dort auf. Es ist un­klar, wie er über­haupt von dem Tref­fen er­fuhr. Er selbst ver­brei­te­te wi­der­sprüch­li­che Ver­sio­nen. In der fol­gen­den Zeit nahm er an meh­re­ren Vor­be­rei­tungs­tref­fen im Kam­pa­gnen­bü­ro Braun­schweig für das Ak­ti­ons­camp im Juli bei Wiet­zen teil.

Vom 06.-08.​07.​2013schei­ter­te war Gross bei der Vor­be­rei­tung für die Blo­cka­de­ak­ti­on in Wiet­ze dabei. Die Blo­cka­de am 08.​07. , da die Ak­ti­ven schon kurz vor der Schlacht­fa­brik von einem Groß­auf­ge­bot der Po­li­zei ge­stoppt wur­den.
Die Ak­ti­ven er­hiel­ten Platz­ver­wei­se, die be­reits am 05.​08. aus­ge­stellt wor­den waren. Als eine Per­son gegen den Platz­ver­weis klag­te und Ak­ten­ein­sicht be­an­trag­te, er­hielt sie die Akte mit teil­wei­se ge­schwärz­ten Namen.Nach der ge­schei­ter­ten Blo­cka­de wurde ein zwei­ter Ver­such ge­plant. Gross zeig­te star­kes In­ter­es­se.

Vom 11.-16.​07. be­tei­lig­te er sich am Ak­ti­ons­camp gegen Tier­fa­bri­ken bei Wiet­zen. Auf­fäl­lig war sein Des­in­ter­es­se an Work­shops, Vor­trä­gen und Ak­ti­ons­for­men wie Stra­ßen­thea­ter.
Die sehr kurz­fris­tig ge­plan­te Blo­cka­de der Schlacht­fa­brik in Holte am 12.​07. ge­lang, ob­wohl Gross bei den Vor­be­rei­tun­gen kurz dabei war. Er hatte Auf­ga­ben bei der Blo­cka­de über­nom­men.

Vom 30.​09.-02.​10.​2013 fand in Ham­burg eine Dau­er­mahn­wa­che gegen das Tier­ver­suchs­zen­trum LPT statt. Gross fuhr zu­sam­men mit Ak­ti­ven der Wiet­ze/n-​Kam­pa­gne hin.

Vom 18. – 20.​10.​2013 fand ein Per­spek­tiv­en­tref­fen der Wiet­ze/n-​Kam­pa­gne statt, an dem Gross teil­nahm. Er ver­such­te Leute zu mi­li­tan­ten Ak­tio­nen an­zu­sta­cheln und be­schwer­te sich über das „la­sche“ Vor­ge­hen der Kam­pa­gne.

Am 28.​10.​2013 war Gross bei einem Blo­cka­de­ver­such der Schlacht­fa­bri­ken in Wiet­ze und Wiet­zen dabei. Am sehr ab­ge­le­ge­nen Vor­be­rei­tungs­ort fiel auf, dass die Ak­ti­vis­t_in­nen von der Po­li­zei ob­ser­viert wur­den. Sehr kurz­fris­tig wurde die ge­sam­te Pla­nung ein­schließ­lich des Ak­ti­ons­orts ge­än­dert. Die Po­li­zei kann­te den­noch jedes De­tail und konn­te die Blo­cka­de ver­hin­dern. Gross schrieb wäh­rend der Pla­nung viel mit und be­hielt den Über­blick.

Am 25.​11.​2013 nahm Gross an einer Mahn­wa­che der BI in Wiet­ze teil. Dies ist sein letz­tes be­kann­tes Auf­tau­chen in po­li­ti­schen Zu­sam­men­hän­gen.

Gross‘ Auf­tre­ten und Auf­fäl­lig­kei­ten

Gross be­haup­te­te, von Hartz IV, Früh­ren­te und von zu­sätz­li­cher Un­ter­stüt­zung durch sei­nen gro­ßen Bru­der zu leben. Da­durch hatte er Zeit an vie­len, oft auch über­re­gio­na­len Ak­tio­nen, teil­zu­neh­men. Dabei nahm er sehr häu­fig Leute in sei­nem Auto mit. Er ver­brei­te­te, dass er chro­nisch krank sei (was wahr­schein­lich auch stimmt) und daher so­wie­so zu Arzt­ter­mi­nen in den je­wei­li­gen Orten müsse. Durch die Krank­heit hatte er aber auch immer eine Be­grün­dung, sich bei Sa­chen raus­zu­zie­hen und Ver­ab­re­dun­gen wie­der ab­zu­sa­gen. Aus dem sel­ben ver­meint­li­chen Grund über­nahm er keine her­aus­ge­ho­be­nen Rol­len bei Ak­tio­nen.

Er er­zähl­te au­ßer­dem, er sei auf Be­wäh­rung, weil er die Deut­sche Bank be­tro­gen habe. Gross be­rich­te­te immer wie­der nicht nach­prüf­ba­re Ge­schich­ten, wie er ver­folgt würde. Er sei auf dem Weg zu einem Ge­richts­pro­zess an­ge­hal­ten wor­den, der Staats­schutz habe ver­sucht, über seine Be­wäh­rungs­hel­fe­rin Druck zu ma­chen, der Staats­schutz Celle (oder auch der Ver­fas­sungs­schutz) habe wegen einem Auf­ruf auf Face­book vor sei­ner Tür ge­stan­den (er frag­te nach, ober ihnen fal­sche In­for­ma­tio­nen geben soll) etc.

Gross in­sze­nier­te immer wie­der seine ei­ge­ne Ent­schlos­sen­heit und ver­meint­li­che Ra­di­ka­li­tät, wobei er sich bei in­halt­li­chen De­bat­ten stets her­aus­hielt. Von dem Schlacht­hof in Wiet­ze habe er er­fah­ren, als das Job­cen­ter ihn dort­hin ver­mit­teln woll­te, was er aber aus ethi­schen Grün­den ver­wei­gert habe. Er er­zähl­te von sei­nem an­geb­li­chen En­ga­ge­ment in einer Bür­ger­initia­ti­ve gegen eine Schwei­ne­mast­an­la­ge in We­din­gen (Harz). Die BI frus­trie­re ihn schon seit län­ge­ren, da es den Ak­ti­ven vor allem um Ge­stank und Lärm­be­läs­ti­gung ginge. Gross be­ton­te da­ge­gen, dass ihm das Leid der Tiere sehr na­he­gin­ge. Er und seine Frau hät­ten vor ei­ni­ger Zeit zwei Pfer­de in einer Nacht-​und-​Ne­bel-​Ak­ti­on be­freit. Gross ver­such­te, an­de­re zu il­le­ga­li­sier­ten/mi­li­tan­ten Ak­tio­nen an­zu­stif­ten.

Zu Be­ginn sei­ner In­fil­tra­ti­ons­ver­su­che fiel Gross durch sei­nen Sprach­ge­brauch auf. Re­gel­mä­ßig ver­wen­de­te er se­xis­ti­sche Aus­drü­cke, z.B. in Bezug auf seine Part­ne­rin, was in der Wiet­ze/n-​Kam­pa­gne mit ihrem eman­zi­pa­to­ri­schen An­spruch vie­len übel auf­stieß. Mit der Zeit pass­te er seine Aus­drucks­wei­se je­doch mehr und mehr an.

Was Per­sön­li­ches und Emo­tio­na­les an­ging, war Gross eher zu­rück­hal­tend. Zu den meis­ten Ak­ti­ven pfleg­te er einen eher funk­tio­na­len, we­ni­ger freund­schaft­li­chen Kon­takt (es gab al­ler­dings durch­aus Aus­nah­men). Er war al­ler­dings immer in­ter­es­siert daran, wo Leute ge­ra­de woh­nen oder hin­rei­sen wol­len. Gross nutz­te zwei Han­dys, mach­te aber nur eins davon be­kannt.

Gross er­zähl­te nicht viel aus sei­ner Bio­gra­fie, dass was er er­zähl­te war aber oft leicht wi­der­sprüch­lich. Wie genau zum Bei­spiel der an­geb­li­che Be­trug der Deut­schen Bank – oder auch der Deut­schen Post – ab­lief und was seine Rolle dabei ge­we­sen war, blieb stets sehr un­klar. Zwar wurde auch nie näher da­nach ge­fragt, aber für ei­ni­ge sei­ner Ver­sio­nen der Ge­schich­te er­schien seine an­geb­li­che bloße Be­wäh­rungs­stra­fe schon reich­lich un­wahr­schein­lich.
Freun­de oder Be­kann­te von Gross waren nie­man­den be­kannt. Bei einem über­ra­schen­den Be­such bei ihm zu Hause (zu die­sem Zeit­punkt war der Ver­dacht gegen ihn be­reits sehr stark) wirk­te sein Haus zwar be­wohnt, er hatte aber Fleisch im Kühl­schrank (das an­geb­lich sei­ner Part­ne­rin ge­hör­te) und hielt Hunde in einem Zwin­ger. Gross hatte im No­vem­ber ’13 eine Fahrt mit dem Pfer­de­schlit­ten bei sich zu Hause vor­ge­schla­gen – eine ziem­li­che Ab­sur­di­tät unter Tier­be­frei­ungs­ak­ti­vis­t_in­nen.

Im Vor­feld der ge­schei­ter­ten Blo­cka­de­ak­ti­on am 28.​10.​2013 re­agier­te er auf­fäl­lig ner­vös auf die Frage, ob sich je­mand sei­nen Lap­top aus­lei­hen kann. Er zog sich al­lei­ne in ein Zim­mer zu­rück. Als eine Per­son dort her­ein­platz­te, konn­te sie sehen, dass er Text­do­ku­men­te ge­öff­net hatte. Als er den Lap­top spä­ter über­gab, fand sich dort kein ein­zi­ges Text­do­ku­ment. Es lie­ßen sich auch keine zuvor ge­öff­ne­ten Do­ku­men­te wie­der her­stel­len.

Gross schrieb bei Vor­be­rei­tungs­tref­fen viel und auch Namen mit. Er woll­te immer genau ver­ste­hen, wer was macht und die Leute ken­nen­ler­nen. In der Ten­denz (!) schei­ter­ten Ak­tio­nen, bei denen er mit­tel-​ bis lang­fris­tig in die Vor­be­rei­tung ein­be­zo­gen wor­den war. Ak­tio­nen ohne ihn funk­tio­nier­ten bes­ser. Wäh­rend Ak­tio­nen ver­schwand Gross immer wie­der kurz­zei­tig, ohne das klar war, warum.

Ent­tar­nung

Be­son­ders das im letz­ten Ab­satz Ge­schil­der­te führ­te dazu, dass eine klei­ne Grup­pe miss­trau­isch wurde. Von ihr ging die In­itia­ti­ve aus, sich in einem grö­ße­ren Kreis zu­sam­men­zu­set­zen. In die­ser Runde wurde eine Be­dro­hungs­ana­ly­se für den ei­ge­nen Zu­sam­men­hang er­stellt. Fast alle hier­für in der Bro­schü­re „Schö­ner Leben ohne Spit­zel“ vor­ge­schla­ge­nen Fra­gen bei Spit­zel­ver­däch­ti­gun­gen konn­ten mit Ja be­ant­wor­tet wer­den. Au­ßer­dem wur­den die oben ge­nann­ten Auf­fäl­lig­kei­ten in Gross‘ Ver­hal­ten zu­sam­men­ge­tra­gen.
Zwi­schen­zeit­lich kam es bei einem Un­ter­stüt­zer in Wiet­ze zu einem An­quatsch­ver­such durch den Staats­schutz. Hier­bei ent­stand der Ein­druck, dass be­reits ein Spit­zel in dem be­trof­fe­nen Zu­sam­men­hän­gen un­ter­wegs sein könn­te.

Nach­dem sich der Ver­dacht er­här­tet hatte, wur­den wei­te­re Nach­for­schun­gen an­ge­stellt. Die Grup­pe er­hielt Zu­gang zu Gross‘ E-​Mail-​Kon­to und sei­nem Face­book­pro­fil. In sei­nem Mail-​Ac­count fan­den sich die oben be­schrie­be­nen Wei­ter­lei­tun­gen von Mails der An­ti­rep­netz-​Lis­te. In sei­nem Face­book­pro­fil fand sich ein Chat­pro­to­koll mit Ste­fan K. Darin sagte Gross den ge­mein­sa­men Be­such eines Fuß­ball­spiels mit fol­gen­dem Grund ab: „Habe viel Lust, muss aber Stei­ne wer­fen in Ham­burg. LPT [ein Tier­ver­suchs­la­bor, gegen das der­zeit eine Kam­pa­gne läuft] oder ir­gend­ein an­de­rer Grund, Pelze, Schwei­ne oder bru­ta­ler Um­gang mit Ge­mü­se­zwie­beln.“. In ähn­lich re­spekt­lo­ser und wenig krea­ti­ver Weise geht das Ge­spräch wei­ter.

Un­ge­fähr zu die­ser Zeit wurde Gross ein fik­ti­ver Blo­cka­de­ter­min mit­ge­teilt. Es ge­lang, einen Mit­schnitt von einem Han­dy­te­le­fo­nat in Gross‘ Auto an­zu­fer­ti­gen, der do­ku­men­tier­te, wie er die­sen Ter­min an eine un­be­kann­te Per­son wei­ter­gab. Gross war mit Si­cher­heit klar, dass über der­ar­ti­ge Ak­tio­nen nicht am Te­le­fon ge­spro­chen wird – grund­sätz­lich nie­mals und schon gar nicht nach dem Auf­flie­gen zwei­er Blo­cka­de­ver­su­che in jüngs­ter Zeit.

Nach­dem diese Be­wei­se zu­sam­men­ge­tra­gen wor­den waren, wurde Gross im De­zember in einem Ge­spräch mit dem Spit­zel­vor­wurf kon­fron­tiert. Er stritt alles ab und ver­such­te Em­pö­rung wegen den gegen ihn ge­rich­te­ten Re­cher­che­me­tho­den vor­zu­täu­schen, wirk­te aber auf viele der An­we­sen­den eher auf­fäl­lig ruhig und kei­nes­wegs über­rascht. Gleich­zei­tig äu­ßer­te er aber immer wie­der Ver­ständ­nis für das Be­ste­hen des Ver­dachts, den er in dem mehr­stün­di­gen Ge­spräch aus­zu­räu­men ver­such­te. Dabei ver­wi­ckel­te er sich aber in wei­te­re Wi­der­sprü­che.

Er räum­te die Wei­ter­ga­be sen­si­bler In­for­ma­tio­nen, ein­schließ­lich des mit­ge­schnit­te­nen Te­le­fo­nats in sei­nem Auto, ein. Diese habe er an ein Mit­glied einer Grup­pe in einer an­de­ren Re­gi­on (Gross nann­te den Grup­pen­na­men) wei­ter­ge­ge­ben. Er habe sie zu mehr Ak­tio­nen mo­ti­vie­ren bzw. all­ge­mein in­for­mie­ren wol­len. Gross war tat­säch­lich eine Per­son in die­ser Grup­pe be­kannt, al­ler­dings gab er im Ge­spräch einen fal­schen Namen an. Er nann­te im Lauf des Ge­sprächs un­ter­schied­li­che Zeit­punk­te, seit denen er die Per­son ken­nen würde. Zu dem kon­kre­ten Te­le­fo­nat im Auto sagte er mal, er habe die Per­son di­rekt er­reicht und ein an­de­res mal, er habe ihr auf die Mail­box ge­spro­chen.

Auch die Wei­ter­lei­tung von Mails an „Fritz Fuchs“ räum­te Gross ein: Das sei ein alter Kum­pel aus sei­ner Punk- bzw. Ju­gend­zeit, den er vor drei oder vier Jah­ren im Zug wie­der­ge­trof­fen habe. (Spä­ter sprach er von zwei Jah­ren.) Er wolle „Fritz“ für „die Sache“ be­geis­tern, habe ihm des­halb die E-​Mails zu­kom­men las­sen und manch­mal auch in Bad Harz­burg oder Gos­lar ge­trof­fen. (Das letz­te Mal vor ein paar Wo­chen in Gos­lar am Bahn­hof.) Ob „Fritz“ ihm auch mal eine Mail ge­schrie­ben habe, wisse er nicht. Den Nach­na­men von „Fritz“ kenne er auch nicht. Spä­ter nann­te er ihn ein „blö­des Arsch­loch“ Eine halbe Stun­de spä­ter be­haup­te­te er, einen Teil der Mails (die kom­men­tier­ten) nicht zu ken­nen. Je­mand müsse sie ihm un­ter­ge­scho­ben haben. Noch spä­ter brach­te er hier­für seine Frau ins Spiel, da sie mit sei­nem En­ga­ge­ment nicht ein­ver­stan­den sei. Er schrieb die Wohn­adres­se von „Fritz“ auf, be­haup­te­te aber spä­ter, es sei die von sei­nem Bru­der. Er sei ein­mal bei Fritz Zu­hau­se ge­we­sen aber wisse nicht mehr, wo der wohne. Noch spä­ter mein­te er, sein Nach­na­me sei viel­leicht „Paul“, er wohne mit sei­ner Freun­din zu­sam­men.

Eine Per­son „Fritz Fuchs“ exis­tiert wahr­schein­lich nicht. Gross hat in sei­ner Er­zäh­lung lange Pause ge­macht und ge­zö­gert, bevor er nach und nach die Ge­schich­te wei­ter ge­spon­nen hat. Auf­fäl­lig war auch, dass er im Ver­lauf der mehr­stün­di­gen Be­fra­gung wie­der­holt in Bul­len­sprech ver­fiel (z.B. habe er ver­sucht „Leute für den Tier­schutz zu ge­ne­rie­ren“). Au­ßer­dem schrieb er Fritz im Plu­ral („ihr“) an oder auch in einer Mail mit „Jür­gen“.

Die Ge­sprächs­grup­pe hatte mit einem sol­chen Sze­na­rio (Be­reit­schaft zu einem 3,5 stün­di­gen Ge­spräch in gro­ßer Runde, dabei aber be­harr­li­ches Ab­strei­ten) nicht ge­rech­net. Die Be­tei­li­gung zu vie­ler Leute an der Ge­sprächs­füh­rung wurde von man­chen als kon­tra­pro­duk­tiv er­lebt.

Di­rekt im An­schluss stie­gen Leute mit Gross in sein Auto, um mit ihm zu sei­nen Bru­der zu fah­ren. Die Fahrt ging zur Vir­chow­stra­ße 24 in Gos­lar, einem mehr­stö­cki­gen Plat­ten­bau. Dort gab es einen Brief­kas­ten mit dem Namen „W. Gross“, aber kein da­zu­ge­hö­ri­ges Klin­gel­schild. Gross be­haup­te­te nun, sein Bru­der habe dort noch letz­te Woche, (we­ni­ge Stun­den zuvor hatte er von „ges­tern“ ge­spro­chen) zu­sam­men mit sei­ner Frau ge­wohnt und zwar seit 2 oder 3 Jah­ren; von einem Umzug wisse er nichts. Nach­barn ver­nein­ten, dass ein Herr Gross in dem Haus lebte. Der Brief­kas­ten war ihnen zum Teil auch schon ko­misch auf­ge­fal­len.

Die Fahrt ging wei­ter zu Ralf Gross‘ Haus, um sich E-​Mails auf sei­nem Lap­top an­zu­schau­en. Lei­der waren just an die­sem Tag an­geb­lich Te­le­fon und In­ter­net de­fekt. Trotz­dem stell­te Gross sei­nen Lap­top zur Ver­fü­gung. Es wur­den per E-​Mail-​Cli­ent wei­te­re Mails an fritz.​fuchs24@​yahoo.​de Adres­se ge­fun­den, dies­mal ge­sen­det von ralfgross6@​alice.​de. Eine die­ser Mails war an einen Jür­gen adres­siert. Gross mein­te, Jür­gen sei Fritz be­kannt ge­we­sen, er habe die Mail wei­ter­lei­ten sol­len. Teil­wei­se wird „Fritz“ in den Mails auch als „Hol­ger“ an­ge­spro­chen, was Gross nicht er­klä­ren konn­te. Er stritt ab, die Mails ge­schrie­ben zu haben.

Als am fol­gen­den Tag Leute vor Ralf Gross‘ Haus auf­tauch­ten, wur­den sie von der Po­li­zei kon­trol­liert und weg­ge­schickt. Die hier­für ge­ge­be­ne Be­grün­dung (ver­däch­tig auf­grund ihres aus­wär­ti­gen Au­to­kenn­zei­chens) war ex­trem schwach und durch­sich­tig.
Der­zeit be­steht kein Kon­takt mehr zu Ralf Gross. Er scheint noch im sel­ben Haus zu woh­nen wie eh und je, laut Nach­bar_in­nen auch schon seit 15 Jah­ren.

Der Fall Gross – Eine Ein­schät­zung

In ra­di­ka­len Be­we­gun­gen tau­chen ir­gend­wann Spit­zel auf. Das ist schon seit lan­gem so und wird sich nicht so ohne wei­te­res än­dern. So ge­se­hen ist das Auf­tau­chen von Ralf Gross keine große Über­ra­schung. Trotz­dem darf nicht ver­ges­sen wer­den, dass die Ent­tar­nung eines Spit­zels für die be­trof­fe­ne Grup­pe eine hohe emo­tio­na­le Be­las­tung und viel Ar­beits­auf­wand mit sich bringt. Un­si­cher­heit und Miss­trau­en kön­nen sich weit über den be­trof­fe­nen Per­so­nen­kreis hin­aus ver­brei­ten und schlimms­ten­falls ganze Zu­sam­men­hän­ge läh­men. Auch das ist Teil von Re­pres­si­on. Wird dem nicht ent­ge­gen­ge­steu­ert, kann der Scha­den weit grö­ßer sein als das, was der Spit­zel selbst an­ge­rich­tet hat.

Ziel von staat­li­cher Re­pres­si­on wird ten­den­zi­ell, wer be­ste­hen­de Aus­beu­tungs-​ und Herr­schafts­ver­hält­nis­se in Frage stellt. (Oder es zu­min­dest in den Augen des Staa­tes tut). Dass es ge­ra­de die Wiet­ze/n-​Kam­pa­gne ge­trof­fen hat, ist kein Zu­fall. Spek­ta­ku­lä­re Be­set­zun­gen, Blo­cka­den, Re­cher­che­bil­der aus den Mast­an­la­gen und an­de­re öf­fent­li­che Ak­tio­nen haben of­fen­sicht­lich ei­ni­gen Stel­len ziem­lich weh getan. Au­ßer­dem wur­den in den letz­ten Jah­ren von Un­be­kann­ten meh­re­rer Mast­an­la­gen kurz vor ihrer In­be­trieb­nah­me ab­ge­brannt, wor­über Akt­vis­t_in­nen der Wiet­ze/n Kam­pa­gne be­rich­te­ten , ohne sich zu dis­tan­zier­ten. Schaut mensch sich die De­bat­ten nach die­sen Ak­tio­nen an, wird klar, dass wir es hier mit Re­pres­si­on auf An­sa­ge zu tun haben.

Es hat die Wiet­ze/n-​Kam­pa­gne aber nicht ein­fach nur wegen wirk­sa­men Ak­tio­nen ge­trof­fen. Der in­fil­trier­te Zu­sam­men­hang übt mit den ver­schie­dens­ten Mit­teln eine grund­sätz­li­che Kri­tik an dem Sys­tem der Mast- und Schlacht­fa­bri­ken. Da­durch wer­den ähn­lich große, z.T. die­sel­ben Krei­se er­reicht wie mit der re­for­mis­ti­schen Kri­tik an der Mas­sen­tier­hal­tung. Die Kam­pa­gne bleibt aber nicht bei den Sym­pto­men des Pro­blems Tier­hal­tung ste­hen, son­dern be­nennt diese als in­te­gra­len Teil ka­pi­ta­lis­ti­scher Pro­duk­ti­ons­wei­sen und eines herr­schaft­li­chen Mensch-​Tier-​Ver­hält­nis­ses. Ab­ge­schafft wer­den kann der Miss­stand nur durch eine grund­le­gen­de ge­sell­schaft­li­che Um­wäl­zung. Und genau das sol­len Leute wie Gross ver­hin­dern.

Ralf Gross ist als Agent Pro­vo­ca­teur auf­ge­tre­ten, hat ver­sucht, Leute zu mi­li­tan­ten Ak­tio­nen zu mo­ti­vie­ren, ver­mut­lich, um sie spä­ter ans Mes­ser lie­fern zu kön­nen. Der Skan­dal ist aber nicht mi­li­tan­te Po­li­tik an sich, ge­nau­so wie es Quatsch wäre, zu glau­ben, re­vo­lu­tio­nä­re Po­li­tik wäre ohne den Spit­zel nie­mals mi­li­tant. Ent­schei­dend ist, dass die Wahl der Mit­tel Sache der je­wei­li­gen po­li­ti­schen Be­we­gun­gen sein muss. Jeder of­fe­ne oder ver­deck­te Ver­such der staat­li­chen Ein­mi­schung in diese Ent­schei­dung ist un­er­träg­lich. Genau wie das meis­te an­de­re, was die­ser Staat so macht.

Wie kann eine Ant­wort auf den Fall Gross aus­se­hen? Je mehr Per­so­nen und Grup­pen dar­über nach­den­ken und aktiv wer­den, desto an­ge­mes­se­ner dürf­te sie aus­fal­len. Drei Punk­te las­sen sich auf jeden Fall fest­stel­len:
1.) Da linke Be­we­gun­gen sich noch auf ab­seh­ba­re Zeit mit Spit­zeln her­um­schla­gen wer­den müs­sen, ist ein Er­fah­rungs­aus­tausch zum Thema not­wen­dig. Mit dem 2004 bei As­so­zia­ti­on A er­schie­ne­nen Buch „Spit­zel. Eine klei­ne So­zi­al­ge­schich­te“, der Bro­schü­re „Schö­ner Leben ohne Spit­zel“ von der ALB und den aus­führ­li­chen Be­rich­ten zur Ent­tar­nung von Simon Brom­mer/Bren­ner sind wich­ti­ge Schrit­te ge­macht wor­den. Die­ser Text ver­steht sich als ein wei­te­rer klei­ner Bei­trag.
2.) Jetzt erst recht: Po­li­tisch aktiv wer­den für eine ra­di­kal be­frei­te Ge­sell­schaft! Falls ihr es schon seid, dann bleibt dabei. Über­prüft ge­ge­be­nen­falls in aller Ruhe den Selbst­schutz eures Zu­sam­men­hangs. Seid dabei aber auf­merk­sam, dass das Ganze nicht in Pa­ra­noia, Miss­trau­en und aus­schlie­ßen­dem Rum­ge­ma­cker aus­ar­tet.
3.) Übt prak­ti­sche So­li­da­ri­tät mit dem be­trof­fe­nen Zu­sam­men­hang!

Für eine Ge­sell­schaft, die keine Spit­zel braucht!

Pressemitteilung vom 26.01.2014:

Spitzel in Tierbefreiungsbewegung enttarnt

Ralf Gross¹ ist ein V-Mann, arbeitete für das niedersächsische LKA und hat eineinhalb Jahre lang Teile der Widerstandsbewegung gegen die Hühnerschlachtfabriken im niedersächsischen Wietze und Wietzen ausgespäht. Außerdem war er an Kampagnen gegen Tierversuche, Widerstand gegen Kohleabbau und Antifa-Strukturen interessiert. Zwei aufgeflogene Blockaden, Einblicke in den eMailverkehr von Ralf Gross und eine Menge offensichtlicher Lügen lassen jeden Zweifel weichen. Im Frühjahr 2012 tauchte Gross erstmals bei einem Vortrag über „Europas größte Hühnerschlachtfabrik in Wietze bei Celle“ auf. Dort wandte er sich an den Vortragenden, einen Aktivisten der „Wietze/n-Kampagne“, einer Kampagne gegen die beiden Megaschlachthöfe (in Wietze und Wietzen). Er wolle gerne den Protest unterstützen und suche Anschluss. So kam es, dass Ralf Gross immer häufiger bei Aktionen, Veranstaltungen und Gerichts-Prozessen gegen in der Kampagne Aktive auftauchte. Außerdem fuhr er mit zu einer Waldbesetzung gegen den Braunkohletagebau im Hambacher Forst und besuchte andere Kampagnen aus der Tierbefreiungsbewegung. „Ralf fuhr immer mit seinem Auto, holte Aktivist_innen in Braunschweig ab und fuhr sie überall hin“, erzählt eine der Aktivistinnen. Verdächtig wurde Ralf Gross den AktivistInnen spätestens, als eine zweite geplante Blockade einer Mega-Schlachtfabrik aufflog und die AktivistInnen von einem Großaufgebot der Polizei empfangen wurden.

Ralf Gross fungierte auch als Agent Provocateur. Die AktivistInnen berichten, dass er sie beispielsweise dafür begeistern wollte, eine Mastanlage unter Wasser zu setzen. Auch machte er einen Aktivisten auf die Schwachstellen eines LKW aufmerksam, an denen dieser sabotiert werden
könnte.
„Dass ein Spitzel in unsere Zusammenhänge geschleust wurde, zeigt für mich ganz deutlich, welche
Rolle die Fleischindustie für den Wirtschaftsstandort Niedersachsen spielt und wie sehr direkte
Aktionen wie Blockaden den Betrieb stören. Da werden alle Mittel angewandt um Aktivist_innen
ans Messer zu liefern. Das geht sogar so weit, dass der Staat selber zu Militanz aufruft!“,
kommentiert der Tierbefreiungsaktivist Karl Linde das Vorgehen.

“Hier sei nicht die mögliche Sachbeschädigung per se das Problem, sondern der Versuch, Menschen ins Gefängnis zu bringen und so zu brechen”, ergänzt Hannah Engelmann, ebenfalls gegen Tierfabriken aktiv.

Nachdem sich der Verdacht erhärtet hatte, stellte eine kleine Gruppe Nachforschungen an. Die
Gruppe erhielt Zugang zu Gross’ eMail-Konto und seinem Facebookprofil. In seinem eMail-Account fanden sich Weiterleitungen von eMails, in denen Gross Informationen über AktivistInnen und Namen weitergab. Als er dann mit dem Vorfurf konfrontiert wurde, stritt er alles ab, verstrickte sich in weitere Widersprüche und zeigte den AktivistInnen weitere eMails – lies diese sogar
abfotografieren. Nach aktuellen Recherchen des NDR war Gross vom LKA Niedersachsen eingesetzt.

Stellungnahmen

V-Mann enttarnt: Stellungnahme der Kampagne LPT-Schließen

In Braunschweig wurde unlängst ein V-Mann des LKA Niedersachsen enttarnt. Ralf Gross knüpfte im Frühjahr 2012 Kontakte zu AktivistInnen der Proteste gegen die Schlachtfabriken und den Aufbau von Mastanlagen in Norddeutschland. In den nächsten anderthalb Jahren nahm er an einer Vielzahl Protestaktionen und Planungstreffen teil und leitete Informationen an staatliche Stellen weiter. Gross interessierte sich darüber hinaus für weitere Kampagnen der Tierrechtsbewegung und offenbar auch für umweltpolitische Initiativen und Anti-Nazi-Proteste. Im Oktober vergangenen Jahres beteiligte er sich auch an einer mehrtägigen Protestaktion der Kampagne LPT-Schließen gegen die Ausbeutung von Tieren durch das Hamburger Tierversuchsunternehmen LPT.

Die Kampagne LPT-Schließen solidarisiert sich mit den betroffenen AktivistInnen. Zudem nehmen wir vor diesem Hintergrund Stellung zu den andauernden Versuchen durch Polizei und andere staatliche Behörden legitime Proteste einzuschränken und zu kriminalisieren:

Die Debatten und politischen Auseinandersetzungen um die Produktionsbedingungen von Nahrungsmitteln und die Ausbeutung von Tieren durch die Tierversuchsindustrie haben sich in den vergangenen Jahren intensiviert. TierrechtlerInnen versuchen in den politischen Auseinandersetzungen den Schreien der Tiere Gehör zu verschaffen und verleihen ihren Überzeugungen auch durch zielgerichtete Kampagnen Ausdruck. So werden Akteure der Tierausbeutungsindustrie benannt, öffentlich gemacht und mit ihrer Verantwortung für das Leiden und Sterben von unzähligen Individuen konfrontiert. Dabei wird teilweise auch in die Abläufe der massenhaften Verletzung und Vernichtung von Tieren eingegriffen und versucht diese zu stören oder zu verzögern. Tiere werden als fühlende Individuen betrachtet, denen das Recht auf Leben und Unversehrtheit zusteht und ihr Warenstatus wird in Frage gestellt. Die von den TierrechtlerInnen vertretene Perspektive, die auf die Überwindung der Tierausbeutung und der Verwertungslogik zielt, stößt offensichtlich an die Grenzen dessen, was staatliche Behörden an zulässigen Meinungsäußerungen und politischen Handlungsmöglichkeiten zu tolerieren bereit sind.

Insbesondere dann, wenn es durch gezielte Kampagnenarbeit gelingt, Einfluss auf politische Entscheidungen, gesellschaftliche Debatten und wirtschaftliche Prozesse zu nehmen, reagieren Polizei, Justiz und Geheimdienste auf Proteste vor allem mit ordnungspolitischen Maßnahmen und Überwachung: Demonstrationen werden mit unzumutbaren Auflagen gegängelt, Organisationen bespitzelt und immer wieder Ermittlungsverfahren gegen AktivistInnen eingeleitet. Die staatlichen Behörden machen sich damit zum willfährigen Gehilfen der Fleischkonzerne und Tierversuchsunternehmen. Diesen ist ein ein Anliegen weiterhin ihre Profite auf Kosten der Tiere zu machen und es kommt ihnen somit nur recht, wenn jegliche Erinnerung an tierliche Bedürfnisse und Interessen delegitimiert oder gar verhindert wird.

Auch die Kampagne LPT-Schließen blickt mittlerweile auf eine ganze Reihe von Einschränkungen ihrer Arbeit zurück: Das Skandieren von Sprüchen auf Demos wurde regelmäßig per polizeilicher Auflage auf ein Minimum reduziert, Demonstrationen nicht an den gewünschten Orten zugelassen, UnterstützerInnen erhielten „Verwarngelder“ für das Verkleben von Aufklebern, im Umfeld der LPT-Labore wurden Personen und Autos von der Polizei angehalten und kontrolliert und Aktionen wurden durch Zivilpolizisten und (wie jetzt deutlich wurde) auch durch V-Männer der Polizei observiert.

Wir möchten daher an dieser Stelle mit aller Deutlichkeit sagen: Wir haben die Repression gegen unsere politische Arbeit mehr als satt. Unzumutbar sind nicht die Forderungen von TierrechtlerInnen, die Gewalt gegen Tiere zu beenden. Unzumutbar ist stattdessen der Verfügungsanspruch über Tiere, der immer Gefangenhaltung, Ausbeutung und Tötung unzähliger Tiere bedeutet. Repression zielt darauf, politische Arbeit zu kriminalisieren und Aktivismus in seinen Handlungsmöglichkeiten einzuschränken.

Demgegenüber rufen wir unsere AktivistInnen und UnterstützerInnen sowie alle AktivistInnen emanzipatorischer Bewegungen dazu auf, sich weder einschüchtern noch spalten zu lassen und weiter entschlossen gegen die Gewalt an Tieren, die Ausbeutung von Menschen und die Zerstörung der Natur zu kämpfen.

Kampagne LPT-Schließen (Hamburg), Januar 2014

Stellungnahme zur aktuellen Berichterstattung über den LKA-Spitzeleinsatz des Ralf Gross‘

Braunschweig 3.02.2014/ Mit großem Interesse haben wir die Medienberichterstattung über die Enttarnung der V-Person Ralf Gross, die sich in Zusammenhänge der Tierbefreiungsbewegung einschleichen konnte, verfolgt. Die breite – in der Tendenz kritische – Öffentlichkeit zu dem Thema hat uns gefreut und wir hoffen durch die Veröffentlichung tiefgreifendere Debatten angeregt zu haben.

Dennoch sind wir der Meinung, dass in den meisten Berichterstattungen der eigentliche Skandal bisher leider verfehlt wurde. Nach Darstellung des NDRs, ist der Einsatz von V-Personen sonst „ein ganz legitimes Mittel der Informationsgewinnung“ um „schwere Straftaten“ aufzudecken. 1

Nur Gross´ Aufforderungen zu Straftaten sollen einen Aufschrei erzeugen. Das ist es was viele der aktuellen Berichte lenkt, denn hier wurde das Gesetz überschritten und erst an diesem Punkt wird der Einsatz von Spitzeln nach bürgerlichen Verständnis verwerflich. In dieser Logik wird die Bewertung des Sachverhaltes den gesetzlichen Normen überlassen, die an die Stelle eigenen kritischen Denkens treten sollen.

Was es aber bedeutet, wenn ein Polizeispitzel in die Privatsphären einzelner Menschen eindringt und ob das legitim sein kann, wird nicht hinterfragt. So eine verdeckte Nähe der Polizei ist ein widerlicher Eingriff in das alltägliche Leben von Menschen. Würden Sie wollen, dass die Polizeibehörden sich auch nur in einen Moment Ihres Lebens, in vertraute Momente, in die politische Arbeit oder in Freundeskreise einschleichen und das entstehende Vertrauen für ihre Interessen ausnutzen?

Die Konsequenz aus dem Einsatz von Ralf Gross soll, laut Politik und Medien, lediglich eine Reformierung der Einsatzbestimmungen von V-Leuten der Polizei sein.

Wir wollen aber keine Reformen, die es weiterhin ermöglichen ungefragt in unser Privatleben einzudringen, wir wollen, dass die Beschäftigten der Polizei sich aus unseren Leben heraushalten und das ohne Kompromisse. Der Polizeiapparat ist ein Teil der herrschenden Ordnung, er schützt nicht ein freiheitliches Leben, sondern das kapitalistische und gewaltvolle System in dem wir leben.

Wer sagt, dass V-Personen ein legitimes Mittel zur Aufklärung vermeintlicher Straftaten wären, sollte sich zudem bewusst machen welche emotionalen Belastungen und Unsicherheiten bei bespitzelten Menschen in Folge eines solchen Einsatzes aufkommen können.

Zusätzlich „können Spitzel aus Dusseligkeit etwas falsch verstehen, Leute verwechseln und dadurch Falschmeldungen produzieren. Sie können auch bewusst und selbstherrlich Berichte frisieren, die niemand richtig stellen kann, weil er oder sie nie von ihnen erfährt. Spitzel können Personen, die sie nicht leiden können, denunzieren und sich für persönliche Abweisungen rächen.“2

Auf einen Radiobeitrag von NDR Info wollen wir ebenfalls eingehen. Dort wurde folgende Aussage getätigt: „ Die Braunschweiger Gruppe bekennt sich zwar zu Blockadeaktionen, nicht aber zu Brandstiftung, denn Lebewesen will man nicht gefährden.“

Wir distanzieren uns inhaltlich nicht von den Brandstiftungen und wollen klar stellen, dass nach unserem Erkenntnisstand weder Huhn noch Mensch bei solchen Aktionen zu Schaden gekommen sind. Es ist davon auszugehen, dass dieses ein Resultat der verantwortungsvollen Durchführung oben genannter Aktionen ist.
So steht in den Richtlinien der Animal Liberation Front (ALF), in deren Namen sich zu zwei der Anschläge bekannt wurde,: „Alle notwendigen Vorkehrungen müssen getroffen werden um durch Aktionen nicht Menschen oder Tiere in Gefahr zu bringen.“ 3

Darüber hinaus möchten wir Stellung zu der Aussage des NDR und anderer Medien nehmen, dass der Spitzel Ralf Gross es „uns“ erst ermöglicht habe, bestimmte Aktionen effizient durchzuführen.4 Diese Formulierung ist vielleicht etwas irreführend. Wie wir gegenüber dem NDR schon mitteilten war Gross natürlich eine Hilfe, er war nützlich, sein Auto war nützlich, er war hilfsbereit, aber auch ohne ihn wären bestimmte Aktionen natürlich effektiv gewesen. Er war wie jeder andere Mensch ein Teil der Aktion, er war nicht herausragender, unverzichtbarer Bestandteil, ohne den alle Aktionen nur ineffiziente Nebelschwaden in der Widerstandslandschaft gewesen wären.

Für eine kritische Auseinandersetzung mit dem LKA-Spitzel Ralf Gross ist es notwendig, die politischen Hintergründe des gesellschaftlichen Konfliktes um Tierfabriken zu beleuchten. Zum Schluss möchten wir an dieser Stelle noch einmal unsere grundsätzliche Kritik an dem System der Mast- und Schlachtfabriken betonen, die wir als Resultat und notwendigen Teil kapitalistischer Produktionsweisen und eines herrschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisses sehen. Abgeschafft werden kann dieses Übel nur durch eine grundlegende gesellschaftliche Umwälzung. Und genau das sollen Leute wie Ralf Gross und seine Auftraggeber_innen verhindern.

Für die Befreiung von Mensch und Tier.

Einige Aktive der Wietze/n Kampagne

1 NDR- Bericht vom 26.01.2014
2 Broschüre: „Schöner leben ohne Spitzel“ herrasgegeben von der ALB S 7
3 tierrechtsbewegung.info
4 NDR Bericht vom 27.01.2014

Demonstration gegen Überwachung und Tierfabriken

Am 08.02.2014 sammelten sich in der Hannoveraner Innenstadt ca. 150 Menschen zu einer Demonstration unter dem Motto „Gegen Überwachung und Tierfabriken“. So wurde nochmals auf die Aufdeckung des Polizeispitzels Ralf Gross aufmerksam gemacht und die Möglichkeit gegeben Solidarität mit den betroffenen Aktivist_innen zu zeigen.

Diese kam unter anderem aus Wien von der Basisgruppe Tierrechte und ihren Unterstützer_innen, die in einem Grußwort folgendes verfassten: „In Zeiten wie diesen haben wir, hier in Wien, gelernt, dass es kaum eine Frechheit gibt, der sich der repressive Staat nicht erlaubt. Seien es Einbrüche in unsere Wohnungen oder bezahlte Spitzel. Was der Staat aber nie geschafft hat zu brechen, ist die Solidarität unserer Freund_innen und Mitstreiter_innen, die sich für eine Welt ohne Gewalt, ohne Knäste und ohne Schlachtungen einsetzen“.

Nachdem sich die Demo in Bewegung setzte wurde mit mehreren Redebeiträgen beispielgebend über Tierfabriken in Niedersachsen, Repression gegen soziale Bewegungen und Erfahrungen mit den Spitzeln der Polizei informiert. Aus der Innenstadt heraus ging die Demonstration an den verschiedenen Sitzen einiger Akteure von Repression und Agrarindustrie, wie dem Innen- und Landwirtschaftsministerium vorrüber und endete letztendlich vor dem Landeskriminalamt am Schützenplatz.

Das bewegungsübergreifende Solidarität mehr als wichtig für von Repression betroffene Menschen ist wird auch vor dem LKA in einem Redebeitrag noch einmal deutlich formuliert: „Eins lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, wenn wir die vielen Kämpfe für eine befreite Gesellschaft weiterhin isoliert voneinander betrachten und uns der Repression nicht gemeinsam in den Weg stellen, wird es ihnen leicht fallen diese Kämpfe einzeln zu zerschlagen.“

Medienberichterstattung

26.01.2014 Indymedia Linksunten Spitzel in Braunschweig enttarnt – Demo in Hannover linksunten.indymedia.org
26.01.2014 Tierrechtsbewegung.info Interview: Kampagne gegen Schlachtfabriken enttarnt Polizei-Spitzel Tierrechtsbewegung.info
26.01.2014 NDR Hat V-Mann des LKA zu Straftaten aufgerufen? ndr.de PDF
26.01.2014 Schwere Vorwürfe gegen V-Mann der Polizei Hallo Niedersachsen ndr.de youtube
26.01.2014 Sabotage Tips vom V-Mann taz taz.de PDF
26.01.2014 V-Mann soll Tierschützer
 angestachelt haben haz haz.de PDF
27.01.2014 Wietzer Schlachthof: Hat V-Mann zu Straftaten aufgerufen? LKA nimmt Stellung celleheute celleheute.de PDF
27.01.2014 Hat V-Mann radikale Tierschützer zu Straftaten angestachelt? top agrar topagrar.com PDF
28.01.2014 „Die Gewalt passiert in den Schlachthöfen“ taz taz.de PDF

Weitere Links zu Spitzelenttarnungen

verdeckteermittler.blogsport.eu/veroeffentlichung/spitzelklage.blogsport.de/

antirep2008.org/

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