Ein Bericht über einen Monat Unterstützungsarbeit für Flüchtende in Serbien.

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Es gibt einen weiteren Bericht aus Subotica (Grenze Serbien/Ungarn).

Hiermit möchten wir dazu aufrufen nach Subotica zu fahren und diese Arbeit weiter zu führen bzw. zu unterstützen. Derzeit ist die kleine spanische Organisation /escuela con alma /die einzig aktive Gruppe vor Ort und sucht Leute die sie in den nächsten Wochen und Monaten untersützen könnten.

Den vorangegangenen Bericht findet ihr einige Beiträge vorher.

Der Bericht:

Grenzerfahrungen am Rande der EU

Ein Bericht über einen Monat Unterstützungsarbeit für Flüchtende in Serbien.

Nach einem Monat Unterstützungsarbeit in Subotica möchten wir zum Ende einen Rückblick auf unsere Arbeit, die vielen Begegnungen mit den flüchtenden Menschen und die Orte, in denen sie derzeit verweilen müssen, werfen.

In ein paar Tagen werden wir wieder zurück fahren – einfach so die Grenze passieren, die all den Menschen, die wir hier kennen gelernt haben, verschlossen bleibt. Wir sind so wütend über diese Abschottungspolitik, über diese Grenzen und die katastrophalen Zustände mit denen wir hier konfrontiert wurden. Es ist kaum vorzustellen was dies bei den Menschen anrichtet, die direkt davon betroffen sind. Wir sind ja nur „Besucher*innen“.

Wir waren hier als Teil der kleinen spanischen NGO Escuela Con Alma, die seit zwei Jahren in dieser Stadt ist und auf verschiedene Weisen Refugees unterstützt. Ohne die NGO näher zu kennen wollten wir irgendwo auf der Balkanroute aktiv werden – welche Form die Arbeit haben sollte, war für uns relativ offen. Wichtig war uns, die Bedürfnisse der Flüchtenden in den Vordergrund zu stellen, sich mit ihnen zu solidarisieren und durch Artikel und Berichte öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Lebenssituation zu schaffen. In den Wochen bevor wir kamen waren oftmals nur 1-2 Leute im Rahmen von Escuela Con Alma aktiv, weshalb sich die Arbeit vor allem auf einen Ort (Horgoš) konzentrierte. Da wir immerhin 3-4 Leute waren, konnten wir noch den zweiten Ort mit einschließen.

Horgoš:
Horgoš liegt knapp zwei Kilometer vor der ungarischen Grenze, ganz in der Nähe des ungarischen
Dorfes Röszke, was in den vergangenen Jahren immer wieder in den Medien auftauchte. 2016 verweilten nahe Horgoš mehrere hundert Menschen auf dem Weg in die EU. Seit dem die Grenze immer dichter wurde, sank auch die Zahl der Flüchtenden. Derzeit leben dort in alten Scheunen, in denen fünf Räume mit selbst gebauten Öfen ausgestattet wurden, etwa vierzig Menschen. Die Zeit ihres bisherigen Aufenthaltes liegt zwischen zwei Monaten und zwei Jahren. Hier waren wir mindestens alle zwei Tage, haben Wäsche gewaschen, Wasser, Batterien und einmal wöchentlich einen Großeinkauf vorbei gebracht. Zudem konnten wir einmal eine mobile Dusche zur Verfügung stellen und haben zweimal gemeinsam in einer Scheune einen Film mit Beamer
geschaut.

Jeder Besuch war mit gemeinsamem Tee trinken und immer wieder auch einem gemeinsamen Essen verbunden. Manchmal lief dabei Musik, manchmal wurde getanzt, oft wurde geraucht, telefoniert, gequatscht und im Internet gesurft und bei gutem Wetter Cricket gespielt. Einige lernten wir so immer besser kennen und hörten immer mehr ihrer Lebensgeschichten. An diesem Ort war es schön zu sehen, wie sehr die Menschen trotz der Situation zusammen halten, gemeinsam kochen und sich gegenseitig unterstützen. Obendrein kümmern sie sich noch um mehrere Katzen und ein sechs Monate altes Reh, das ohne Mutter nach der Geburt gefunden wurde und mit der Flasche groß gezogen wird. Im Anbetracht der Umstände beeindruckte uns diese Fürsorge und Solidarität untereinander. Dennoch verbirgt sie nicht die Ausweglosigkeit der Menschen, die sich massiv in der Stimmung und den Gesichtern der Leute widerspiegelt.

An einem Tag besuchten wir mit zwei Geflüchteten gemeinsam die nahe gelegene Grenze und konnten so selber merken wie unmöglich ein Übertritt erscheint. Im Dunkeln (es war etwa 17 Uhr) gingen wir gemeinsam einen kleinen Feldweg hinter dem Haus etwa 1,5 km gerade aus. Wir konnten nicht weiter als zwanzig Meter voraus schauen – und erst als wir in diesem Abstand vor dem Grenzzaun standen, war es möglich ihn schemenhaft zu erkennen. Es gibt keine Beleuchtung, nur den Zaun und weiter weg in jede Richtung einen Wachturm. Doch es dauerte weniger als eine Minute bis das erste Auto in einiger Entfernung auftauchte. Unsere beiden Begleiter sagten, dass wir jetzt sofort, aber langsam zurück gehen müssten, da die ungarische Polizei mit ihren Hunden immer wieder durch den Zaun kommen würde und bis 100m hinter der Grenze Menschen auf serbischen Territorium angreife. Das ist zwar illegal, aber gängige Praxis. Wir gingen langsam zurück und konnten noch sehen, wie kurze Zeit später noch ein zweites und drittes Auto kamen, Hunde bellten und der Zaun und die Flächen um uns herum abgeleuchtet wurden. Wir gaben Lichtzeichen, damit sie sehen konnten, dass wir uns weg bewegten. Uns wurde erklärt, dass der Zaun überall mit Wärmebildkameras überwacht wird und über die gesamte Strecke Grenzpolizei in Autos steht. Bei Berührung des Zaunes bekommen die Menschen einen Stromschlag und durch Lautsprecher wird auf vier verschiedenen Sprachen dazu aufgefordert sich sofort zu entfernen.

TrainStation
Der andere Ort, an dem wir Unterstützungsarbeit leisteten, waren ein paar alte besetzte Bahnhofsgebäude im Zentrum von Subotica. Hier ist die Anzahl der Menschen und die Fluktuation weitaus größer – so hielten sich dort in den letzten Wochen immer zwischen 50 und 80 Leute auf.

Sie leben in fensterlosen Gebäuden in denen Feuer ohne Öfen gemacht wird, da es die einzige Möglichkeit ist sich bei Temperaturen bis -12 Grad ein bisschen zu wärmen. Auf Grund dieser katastrophalen Bedingungen ist die Stimmung an diesem Ort im Vergleich zu Horgoš weitaus angespannter. Von hier versuchen es die Flüchtenden immer wieder über die Grenze zu kommen – auf Zügen, in LKWs, schwimmend durch einen Fluss – wir hörten viele Geschichten, die in den meisten Fällen mit einer Rückführung durch die ungarische Polizei endeten und häufig mit Gewalt verbunden waren. Einige schafften es sogar ohne Kontrolle bis kurz vor die österreichische Grenze oder nach Slowenien und wurden dann quer durch das Land wieder zurück gebracht. Im Fall solcher illegalen Zurückweisungen spricht man von Push-Backs. Sie verstoßen gegen europäisches Recht, wonach die Menschen das Recht haben in Ungarn zu bleiben, um dort Asyl zu beantragen.

Letzte Woche haben wir angefangen einzelne Zurückweisungen für die Organisation Boder Violence Monitoring zu dokumentieren, was zwar in einigen Situationen aufgrund von Sprachbarrieren schwierig war, aber dann mit Hilfe von Personen mit ausreichenden Englischkenntnissen sehr positiv aufgenommen wurde.
Die meiste Zeit haben wir an der TrainStation unsere Priorität auf den Schutz vor Kälte gelegt. Wir haben jeweils über 100 Decken, Schlafsäcke, Socken, Mützen, Schals und Handschuhe ausgegeben und zudem 57 Paar Schuhe gekauft und verteilt. Auf Grund der Extremsituation waren diese Verteilungen immer wieder mit Konflikten unter den Leuten verbunden, wodurch uns die große Notwendigkeit erschreckend nah gebracht wurde. Die Gefahr zu erfrieren sahen wir mit der Zeit massiv verringert und dennoch bleibt die Wohnsituation dort extrem gefährlich. Außerdem hörten wir nun schon von mehreren Fällen, in denen den Menschen bei ihrem Fluchtversuch Schlafsack und/oder Jacke weg genommen wurden.

Fast alle Menschen in Horgoš und in der TrainStation kommen aus Afghanistan. Zumeist fliehen sie vor dem Krieg und dem damit verbundenen Leid und der Verfolgung. Jede einzelne ihrer Fluchtgeschichten bietet meist genug Stoff, um darüber ein Buch zu schreiben. Beispielsweise gibt es dort Khan, der bereits mit 12 aus Afghanistan geflohen ist und heute 21 Jahre alt ist. Sechs Jahre hat er schon in Griechenland gelebt und gearbeitet und damals sogar eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Doch im Zuge von mehreren Schicksalsschlägen und rassistischen Vorfällen bei Behörden wurden ihm seine Papiere wieder weggenommen. Jetzt lebt er ohne Dokumente seit über einem Jahr in Horgoš.

Ein anderer erzählt uns in gutem Deutsch, dass er bereits fünf Jahre in Deutschland gelebt hatte und nur zurück nach Afghanistan gehen musste, um dort Papiere für eine anstehende Hochzeit zu besorgen. Doch genau zu diesem Zeitpunkt (Frühjahr 2018) wurde die deutsche Botschaft in Kabul zerbombt, weshalb er die benötigten Papiere nicht bekam und sich so auf den Weg machen musste. Einige zeigen uns Bilder und Wunden aus dem Krieg und berichten von Gewalterfahrungen, die sie zum einen in ihrer Heimat gemacht haben, aber auch an den zahlreichen Grenzübertritten auf ihrer Reise erleiden mussten. Einige, die wir treffen, sind verheiratet, haben Kinder und andere sind selbst noch Kinder bzw. Jugendliche (zwischen 11 und 18 Jahre alt). Viele haben Verwandte in der EU zu denen sie weiterreisen möchten. Wir wünschen jedem Einzelnen das Beste und viel Erfolg bei ihrem weiterkommen! Es gibt für uns kein Recht ihnen oder sonst jemandem ein Weiterkommen zu verwehren!

Insgesamt waren die Wochen für uns sehr bewegend. Wir hatten natürlich vorher schon eine Vorstellung von den Zuständen vor den Toren Europas und für drei von uns war es auch nicht das erste Mal. Dennoch ist die direkte Konfrontation etwas anderes und hinterlässt bei uns eine Mischung aus Erschrecken, Wut und Motivation.
Leider war es für uns zeitlich kaum möglich sich dem Vorhaben, politisch und öffentlich zu wirken, zu widmen. Im Anbetracht der Situation und der fehlenden Unterstützung vor Ort, mussten wir die absoluten Grundbedürfnisse der Flüchtenden vorne an stellen.

Wir wissen, dass eine Lösung für die Lage nicht in dieser Form der Unterstützungsarbeit liegt.
Dafür muss politisch Druck ausgeübt werden. Dennoch stellt sie für uns eine Möglichkeit dar
praktische Solidarität mit Menschen auf der Flucht zu leisten.

Freedom of movement is everybody‘s right!