„Die Vegane Armee Fraktion“ oder wie Boulevardmedien über die Tierbefreiungsbewegung hetzen

Folgender Artikel wurde am 25. Dezember, von dem_die Autor_in „eine kritik“, auf die Plattform linksunten.indymedia.org gestellt. Da eine öffentlich stattfindende kritische Auseinandersetzung mit den Artikel der Zeit und den mdr Beitrag längst überfällig ist, übernehmen wir an dieser Stelle den Beitrag.


Tendenziöse Presseberichterstattung bezüglich sozialer Bewegungen ist nicht neu. Klar, dass besonders (Print)Medien massiv in wirtschaftlichen Zwängen stecken und so ihr Klientel an Leser_innen bzw. potentiellen oder realen Werbekund_innen bedienen müssen. Wenn die Berichterstattung jedoch dazu führt, dass eine soziale Bewegung (medial) kriminalisiert und in die Terrorecke gerückt wird hört der Spass auf. Nicht zu letzt weil die mediale Stigmatisierung als Terrorbewegung sowohl der Industrie wie auch den Behörden in Hände spielt eine soziale Bewegung mit allen verfügbaren Mitteln der Repression platt zu machen. Genau wie es beispielsweise schon in den USA, England, Österreich und Spanien seit Jahren der Fall ist. In diesem Artikel geht es um die Tierbefreiungsbewegung bzw. die Animal Liberation Front (ALF).

Beispielhaft werden zwei bzw. drei Artikel beleuchtet die in den vergangenen Monaten in Deutschland zur Tierbefreiungsbewegung veröffentlicht wurden. Zum einen bei der ARD bzw. dem MDR und zum anderen bei der Wochenzeitung die ZEIT. In beiden (Massen)Medien wurde die soziale Bewegung für die Befreiung der Tiere bzw. die Animal Liberation Front (ALF) als eine Aktionsform bzw. Kampagne der Bewegung in die Terrorecke gerückt. Die Berichterstattung dazu ist teils einfach unsauber, teils tendenziös bis hin zu absurd.

Beispiel 1

Attacken auf Schlachtbetriebe und Mastanlagen Millionenschäden durch militante „Tierrechtler“

ARD Fakt zeigte am 16. September 2014 einen Recut des bereits auf MDR Exakt gesendeten Beitrags über militante Tierrechtler_innen. Der Beitrag kommt leider nicht über das Boulevard-Level hinaus und versucht die Tierbefreiungsszene als unterschätzte Bedrohung darzustellen. Zum Beitrag „Millionenschäden durch militante „Tierrechtler“ Zum Video Militante Tierrechtler: Wie gewalttätig die Aktivisten sind

Nach dem Beitrag „Fleisch ist Mord“ bei MDR Exakt wurde eine leicht geänderte Version bei ARD FAKT gezeigt. Beide Schnittversionen überspitzen die Gefahr durch militante Tierrechtsaktive und scheinen Druck auf die Behörden machen zu wollen, die Strafverfolgung zu erhöhen. Stellt sich die Frage was es unabhängigem Journalismus nützt, eine soziale Bewegung in die Terrorecke zu stellen?

In Zusammenarbeit mit dem Pressesprecher von die tierbefreier e.V. sind mehrere Stunden Videomaterial entstanden, in denen auch immer wieder die Motivation der Aktiven dargestellt wurde. Die Beiträge konzentrierten sich jedoch allein auf die vermeintliche Gefahr und ließen die Themen Tierausbeutung und Motivation für Tierrechtsaktionen entgegen der Aussagen des Journalist_innen außen vor.

mdr
youtube

Nachdem fast ausschließlich die Gewaltbereitschaft der Bewegung betont wurde heißt es im MDR-Bericht abschließend: „Für die Ermittlungsbehörden stellt die Szene trotz der von ihr angerichteten Schäden keine besondere Bedrohung dar. Die Anzahl ihrer Straftaten sei gering, heißt es.“ Wer böses denkt könnte aus diesem letzten Satz fast eine Forderung nach einem härteren Vorgehen gegen die Tierbefreiungsbewegung vonseiten der Behörden herauslesen. Wer bei all der Berichterstattung zur Gewaltbereitschaft und den verursachten Millionenschäden der Aktivist_innen ein paar Worte zu deren Beweggründen sucht, sucht vergebens.

Angesichts derartiger Berichterstattung stellt sich die Frage ob es überhaupt sinnvoll ist den sogenannten Boulevardmedien für Auskünfte bzw. Aussagen zur Verfügung zu stehen. Ob konsequente Medienverweigerung oder Zusammenarbeit mit den Massenmedien? Entscheidet selbst, aber rechnet mit den Auswirkungen.

Don´t fight the media, be the media! (Maybe;-))

Beispiel 2

Die Vegane Armee Fraktion

In einem ZEIT-Artikel (inklusive der Titelseite der Printausgabe) vom September 2014 wurde über die „Vegane Armee Fraktion“ berichtet.

Die Tierbefreiungsbewegung als solche, von der Performancegruppe bis zur Animal Liberation Front (ALF) in die Terrorecke zu rücken und mit der „Roten Armee Fraktion (RAF)“ gleichzusetzen ist journalistisch nicht nur inkorrekt, sondern extrem tendenziös; und könnte auch als Hetze bezeichnet werden. Zusammenfassend kann dieser Artikel als Aufruf an den Verfassungsschutz verstanden werden, die militante Tierrechtsszene zu beobachten. (Folgende Gedanken sind teilweise in Anlehnung an eine Kritik von Ulrike Bialas entstanden.)

Eine per Definition gewaltfreie Szene wird der Gewalt bezichtigt

Das Hauptproblem des Artikels ist, dass Fuchs und Taubert die Bewegung einerseits als „militant“ und „gewaltbereit“ beschreiben und sie mit „Terrorgruppen der siebziger Jahre“ vergleichen, zugleich aber ihre Anschuldigungen nicht mit Beispielen untermauern können.

So schreiben die Autor_innen z.B.: „um das Ausbeuten und Töten von Tieren zu stoppen, kämpfen militante Tierschützer immer häufiger auch mit Gewalt“ und später „Die Zahl der als extremistisch eingestuften Straftaten ist in [den letzten 10 Jahren] um das Siebenfache gestiegen.“ Andererseits finden sie für diesen „Terrorismus“ keine besseren Beispiele als „Aktivisten [zerstören] Tierfallen oder stellen sich auf ein Feld in die Schusslinie zwischen Wild und Jäger.“ Im ersten Beispiel kommt niemand zu schaden, im zweiten höchstens die Aktiven selbst. Das ist keine Gewalt. In weiteren Beispielen beschimpfen Aktivist_innen Mitarbeiter_innen von Pharmaunternehmen und Tierversuchslaboren als „Affenmörder“ und „Tierquäler.“ Semantisch sind das Fakten und rechtlich ist es vielleicht Hausfriedensbruch; in keinem Fall ist es Gewalt oder gar Terrorismus.

Bauer Löhr wird als ein Opfer dieser angeblichen Gewalt vorgestellt. Als Löhr seine Mastanlage baute, „zündeten Tierrechtsaktivisten und andere besorgte Bürger Grabkerzen an, tranken Tee und hielten Transparente hoch.“ Grabkerzen und Tee als Kalaschnikow der „Veganen Armee Fraktion“?

„Deutschlandweit sollen es inzwischen 500 bis 1000 Radikale sein, die Angriffe auf Zoodirektoren, Jäger, Metzger, Pelzhändler und Manager von Pharmakonzernen organisieren,“ behaupten Fuchs und Taubert, berichten aber nur von Anschlägen auf die Wirkungsstätten dieser Berufsgruppen, nicht auf die Menschen selbst. Das ist ein Riesenunterschied und ihn zu verwischen, ist journalistisch besten Falls noch als unsauber zu bezeichnen. Es sei denn in der journalistischen Absicht der Schreibenden liegt eine politische Absicht oder finanzielle Verbindlichkeit zu einem bestimmten Industriezweig, dann wäre der Artikel einfach tendenziös.

Einige Absätze weiter schreiben Fuchs und Taubert selbst: „Diese Gewalt dürfe sich nicht gegen Menschen oder Tiere richten, heißt es auf der Website der ALF.“ Ihre Informantin aus der Szene zitieren sie: „Wichtig sei […] nur leer stehende Hallen niederzubrennen, zum Beispiel Ställe kurz vor der Fertigstellung, damit kein Tier und kein Mensch zu Schaden komme.“ Wenn also kein_e Tierrechtsaktivist_in Lebewesen Schaden zufügt, dann ist es weder eine gewalttätige Szene, noch eine, die man mit der RAF vergleichen darf. Vonseiten der Animal Liberation Front (ALF), die gemeinhin als militante Speerspitze der radikalen Tierbefreiungsszene bezeichnet wird, wurde seit ihres ersten öffentlichen Auftretens noch nie ein Mensch verletzt oder gar ermordet.

„Massenmord“ und „Tierausbeutung“ in Anführungsstrichen, Militante Tierrechtler und Öko-Extremisten nicht

Trotz fehlender Beispiele für Gewalt gegen Menschen werfen die Autor_innen mit Bezeichnungen wie „militanter Tierrechtler,“ „extremer Tierrechtler“ und „Öko-Extremist“ nur so um sich. Warum militant? Kein_e Tierbefreier_in tut Lebewesen weh. So zitieren es die Autoren selbst. Und was heißt überhaupt extrem? Fuchs und Taubert verwenden den Begriff militant und extrem im abwertenden Sinne. Historisch betrachtet wurden viele soziale Bewegungen und deren Positionen als extrem betrachtet, alleine weil sie nicht der Mehrheitsmeinung entsprachen. Und sobald sie gegen die Finanzhoheit oder die politisch Mächtigen ging lässt sich nicht lange auf den Begriff „extrem“ warten, wenn es um Widerstand geht.

Die politische Ecke aus der heraus die Autor_innen schreiben wird spätestens klar, wenn sie bei „militant“ und „extrem“ auf Relativierungen verzichten, sie Worte wie Massenmord (an Tieren) und Tierausbeutung hingegen in Anführungsstriche setzen.

Die „Vegane Armee Fraktion“ als moderne RAF

Besonders anmaßend ist der Vergleich mit „Terrorgruppen der siebziger Jahre,“ mit dem die Autoren schon im Titel auf Leser_innenfang gehen. Sie schreiben, dass ein allgemeiner gesellschaftlicher Trend eine kleine Randgruppe produziert, die wie damals in den Terror abgleitet. Der Vergleich ist völlig daneben. Erstens verbreiten Tierbefreiungsaktivist_innen keinen Terror. Und zweitens ist Tierbefreiung leider kein allgemeiner gesellschaftlicher Trend. Zwar behaupten Fuchs und Taubert „immer mehr Menschen fühlen sich dem Wohl der Tiere verpflichtet,“ aber das entspricht nicht deren realem Verhalten. Nicht einmal eine_r von 200 in Deutschland Lebenden ist Veganer_in. Der Rest hat vielleicht ein latent schlechtes Gewissen, aber das mit einem Gefühl der Verpflichtung gegenüber „dem Wohl der Tiere“ gleichzusetzen ist absurd.

Ohne hier über die Taktik oder das Vorgehen der RAF urteilen bzw. dieses analysieren zu wollen, bleibt nur eines klar und deutlich festzustellen: Die Animal Liberation Front (ALF) ist nicht die Rote Armee Fraktion (RAF); auch nicht in moderner Form. Ja beide sind nicht einmal ansatzweise zu vergleichen. Weder in ihren Strategien noch in ihrer Organisation noch in ihrer Wirkung; auch wenn sich das die Autor_innen in ihrem Zeitartikel vielleicht herbeifantasieren. Die ALF ist keine Organsiation und hat weder formelle noch informelle Hierarchien. ALF-Aktivist_innen richten sich bei ihren Aktionen streng nach vier Richtlinien. Bei Aktionen geht es darum Realitäten der Tierhaltung/Tiermord zu veröffentlichen, Tiere aus Plätzen in denen sie gequält werden zu befreien, ökonomischen Schaden für Tierausbeuter_innen zu verursachen und bei allen Aktionen immer strengstens darauf zu achten, dass weder Menschen noch Tiere verletzt werden. Und genau das passiert vonseiten der Tierbefreiungsbewegung seit Jahrzehnten.

Es war, ist und wird nie die Absicht der Tierbefreiungsbewegung oder der ALF sein Menschen oder Tiere zu verletzen und schon gar nicht sie zu ermorden. Und genau dieses kleine aber feine Detail unterscheidet die ALF von der RAF. Unter ernstzunehmendem Journalismus kann bzw. muss alleine deshalb etwas anderes verstanden werden als das was Fuchs und Taubert in ihrem Zeitartikel fabriziert haben.

Quelle:linksunten.indymedia